Flucht als einzige Möglichkeit – Erlebnisbericht der Syrerin Roos Qassas

Roose mit ihrem SohnMaather
Roos mit ihrem Sohn Maather

Ich befand mich am 13.Oktober 2012 zu Hause und wusste, dass meine beiden Söhne auf dem Marktplatz waren, um dort ein paar Einkäufe zu tätigen. Plötzlich wurde Raketenalarm ausgelöst, ich sah durch das Fenster, wie die Menschen Hals über Kopf in ihre Häuser flohen und Panik auf der Straße ausbrach. Eine Schockwelle durchfuhr meinen Körper und ich fühlte mich wie gelähmt, unfähig zu denken oder zu handeln. Dann hörte man bereits das Einschlagen der Granaten…
Nachdem kein Granatenlärm mehr zu hören war, drängten die Menschen wieder aus ihren Häusern, um nach ihren Familienangehörigen und Verwundeten zu schauen. Man rief, dass die Raketen vor allem am Marktplatz eingeschlagen hatten. Ohne zu sehen oder zu hören lief ich hinaus und rannte die Straße in Richtung des Marktplatzes entlang. Wie im Wahn sah ich aus einer Seitenstraße meine zwei Kinder auf mich zukommen, nur mit aller Kraft konnte ich mich taumelnd vor Freude auf den Beinen halten……
Noch an diesem Tag fasste ich den Beschluss zu fliehen und Syrien zu verlassen.
Wir schlossen uns am Folgetag einem Konvoi an, der in Richtung türkische Grenze fuhr. Nach einem Tag mühsamen Vorankommens (aus Angst vor Bombardierungen mussten die Wagen sehr oft die üblichen Straßen verlassen) gelangten wir an die Grenze. Da ich keinerlei Ausweispapiere besaß (aufgrund der oppositionellen Einstellung meiner Familie hatte niemand von uns Ausweispapiere), und die Türkei auch nur nach dem Zufallsprinzip Flüchtlingen Eintritt gewährte, hieß es nun den weiteren Weg zu Fuß anzutreten. Nach einem weiteren Tag des Marsches, versuchten wir in der Nacht den Grenzfluss zu überqueren. Doch die Grenzsoldaten hielten in dieser wie auch in der folgenden Nacht aufmerksam Wache. Erst in der dritten Nacht gelang es uns, durch den Fluss zu fliehen. Seit jener Nacht schöpfte ich wieder Hoffnung für die Zukunft meiner Kinder und für mich.
Doch die Zeit in der Türkei war nicht leicht, wir mussten Wohnraum suchen und für das wenige angesparte Geld wohnten wir dann zu neunt in zwei Zimmern mit Küche. Wir wollten möglichst nah an der Grenze bleiben, da wir zum damaligen Zeitpunkt noch mit einer positiven Wendung rechneten, wir hofften auf den Sieg der liberalen, demokratischen Kräfte.
Gott sei Dank erhielt ich die Möglichkeit, die von Deutschen unterstützte Schule mit aufzubauen und dort die Kinder zu unterrichten. Niemand kann sich vorstellen, wie wichtig für die Kinder dort diese Stunden des Schulbesuches sind, ihr Leben bekommt dadurch wieder eine positive Wendung.

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